Blog von Evelin Scheuble:

ROSEN IN GOTTLIEBEN – UND ANDERSWO…

Die 4 wichtigen Schnitte:

  1. SCHNITT (KURZ UND WACHSTUMSANREGEND) =
    UM DEN 1. APRIL
    GRÜNE TRIEBPERIODE UND ERSTE BLÜTE,
    DEN GANZEN MONAT JUNI.
  1. SCHNITT, NACH DER ERSTEN GROSSEN BLÜTENPRACHT =
    UM DEN  1. JULI
    GRÜNE TRIEBPERIODE UND ZWEITE LEICHTE BLÜTE,
    DEN GANZEN AUGUST
  1. SCHNITT, NACH DER ZWEITEN LEICHTEN BLÜTE =
    UM DEN 1. SEPTEMBER
    GRÜNE TRIEBPERIODE UND DRITTE LEICHTE BLÜTE
    DEN GANZEN OKTOBER
  1. SCHNITT NACH DEN LETZTEN BLÜTEN VOM OKTOBER,
    UM DEN 1. NOVEMBER
    EINEN HALBIERENDEN, FORMGEBENDEN SCHNITT.
    ALTES HOLZ WEG – 
    KEIN STACHEL-ROSENSCHNITT ODER
    KRANKE BLÄTTER IN DEN KOMPOST,
     SONDERN IN DIE GRÜNABFUHR. 

Zurzeit lassen in vielen Thurgauer Gärten diverse majestätische «Hoheiten» ihre
Köpfe hängen und drohen gar das Gleichgewicht zu verlieren.

Es handelt sich um Rosenköpfe, teils von starken und angesehenen Persönlichkeiten
wie die Edelrose «Queen Elisabeth» und die Edelrose «Ingrid Bergmann». Und
vielerorts um die elegant geformte, pastellrosa Kletterrose «New Dawn». Und nicht
zu vergessen, die dauerblühende Halb-Ramblerin «Ghislaine de Féligonde» in 3
schillernden gelb-apricot Farbtönen. Und natürlich handelt es sich auch um die
zartorange Strauchrose «Westerland». Dazu kommt meine eigene Lieblingsrose,
die sich breit ausdehnende, widerstandsfähige «Herzogin Frederike». In meiner
Lieblings-Mischfarbe Gelb – Rosa. Die überhängenden und grossblätterigen
orange-gelben Rosen von der Rose «Polka» darf ich nicht unerwähnt lassen –
ich nannte einmal einen grossen Rosengarten mein eigen – und die Polka war
einmalig unter den einmaligen.

Es blühen erstaunlich viele Rosen in Gottlieben und es ist eine grosse Freude
sowohl für Auswärtige als auch für uns Einheimische, sie in ihrer grossartigen Blüte
zu bewundern. Aber alle diese gesunden Rosen verlieren auch mal, oder eher ab
und zu, ihre Pracht. Meistens um Anfang Juli herum.

Nun haben alle Rosen – im Gegensatz zu uns Menschen – Gott sei Dank die Gabe,
sich verjüngen zu können. Aber ganz ohne die Unterstützung von Menschenhand
geht es dann doch nicht, denn ohne unsere Schnitt-Hilfe verkahlen die Rosenstöcke
schnell in der unteren Hälfte und schicken auf geraden Stängeln nur wenige einzelne
Blüten gen Himmel. Aus diesem Grund biegt man die Kletterrosen horizontal um den
Rosenbogen, damit besonders viele Rosenknospen senkrecht himmelwärts
wachsen und blühen.

Wenn es mit einem Rosenstock schon so weit ist, weiss man oft nicht mehr weiter.
Als Neuling im Rosengarten glaubt man, die Rose stirbt ganz und gar, wenn man
ihre langen Beine kürzt. Tut sie sicher nicht, aber dennoch muss das Kürzen geplant
sein. Das Ziel ist es, nach dem 1.-Juli-Schnitt, dass die Rose dazu gedrängt wird,
weiter unten auf den langen Beinen auszutreiben. Und zwar aus den etwas tiefer
stehenden 5 – Finger – Blattecken.

Diese Blätter stehen, nach einem guten 1.-Novemberschnitt, üblicherweise auf 3 bis 5
super gesunden Zweigen, die bereits letztes Jahr oder vor Jahren schon, von ganz unten
aus der Veredelungsstelle trieben. Das ist die Grundlage, auf die man in den
folgenden Jahren wunderbar aufbauen kann.

Beim Abschneiden der welken Blüten um den 1. Juli sollte man kurz auf die
5-Finger-Blätter tiefer unten am Stiel achten, denn dort verstecken sich in den
kleinen Ecken zwischen Blatt und Stiel je ein unscheinbares Auge, das nur darauf
wartet auszutreiben. Man kann kaum etwas falsch machen. Auch wenn man die
ersten Male zu viel kürzt. Es ist wirklich schwierig im Voraus die kommende Blüte
zu berechnen. Aber kurz geschnitten (heisst, von 6 Blätter-Augen nur 4 stehen lassen), –
um so länger brauchen diese 4 Augen um Rosenzweige zu werden. Dafür hat der
Stock keine kahlen Beine. Und nicht vergessen: Auf 4 kahlen Langbeinern sitzen am
obersten Ende vielleicht 4 Rosen. Auf 4 neuen Trieben sitzen auch mindestens 4 satte
Rosenblüten. Aber diese kürzeren Stiele blühen dann auch nach dem
1.-Septemberschnitt wieder – im Gegensatz zu den Langbeinern (das erreichen diese
nicht einmal bis zum 1.-November-Schnitt).

Lässt man von den 6 Blätteraugen alle 6 stehen, dann treiben sie eventuell schneller
aus, die Blüten krönen aber deutlich dünnere Triebe, z.B. den obersten und dünnsten
Trieb von den Sechsen. Wenn man sich die Zeit nimmt die Triebe im Vorbeilaufen zu
beobachten, kann man notfalls nochmals zur Schere greifen. Findet man nämlich die
zwei obersten Blatttriebe zu verzögert, dann sofort entfernen, damit die unteren
4 allen Lebenssaft für sich bekommen. Allein schon um die Rose am Boden zu behalten,
damit sie schön dichtes Blattwerk bekommt. Eine alte, nicht mal angehäufte
Veredelungsstelle bedankt sich sehr für den Schatten. Die Rose selbst auch, falls man
schön von unten wässert und nicht von oben auf die Blätter. Auf diese Weise muss
man ganz wenig wässern, da immer Schatten um die Veredelungsstelle ist. Vom
Wässern später, aber jedenfalls nie verwöhn-ertränken. Dann lieber darauf achten,
ob die Rose mit den Köpfen hängt, bevor man ihr zu viel Wasser gibt.

«Glückstriebe» nenne ich die neuen, langen Triebe, die direkt aus der Veredelungsstelle
wachsen. Man erkennt sie, weil sie fleischig sind und unten dicker als oben. Der
Stängel ist knackig wasserhaltig und man kann ihn deshalb nicht biegen; er bricht
leicht. Seine allerobersten Blätter haben eine rötliche Färbung. Der Glückstrieb
steigt uns oft unverhofft, fast über Nacht, direkt aus der Oberfläche der Veredelungsstelle
entgegen. Diesen Trieb gilt es zu erhalten, aber leider nur um ihn bald wieder zu kürzen,
sonst endet er womöglich später als ein langes, kahles Bein. Nur bei der Kletterrose
bettet man den langen, fleischigen Trieb vorsichtig in die bestehende Kletterrose ein.
Versteckt und befestigt ihn, in der Hoffnung, dass er die ganze Rose auch tatsächlich
erneuern wird, indem man beim winterlichen1.-November-Schnitt auf einen
alten, verholzten Trieb verzichtet (manchmal viele Jahre alt…).

Veredelungsstelle
Wenn man das alles beherzigt, sollte nichts im Wege stehen für eine sich selbst
regulierende zweite Blühperiode Anfang bis Ende August, beziehungsweise bis
zum 1.-September-Schnitt. Wäre da nicht die Geschichte mit der Veredelung.

Bei Edelrosen redet man immer wieder von der Veredelungsstelle, denn in
Wahrheit schmückt sie sich mit fremden Wurzeln. Die flotte Edelrose wächst
parasitär auf der Wurzel von dem schönen, aber einfachen «Rosa Canina».
Die Hundsrose. Ohne diese bäuerliche, unterstützende Amme bräuchte die schöne,
aber heikle Edelrose nach dem Einpflanzen viel mehr Zuwendung und Pflege,
um Fuss zu fassen. Auf der Oberseite der Mutterwurzel (oder Ammenwurzel),
nahe am Tageslicht wächst also die Edelrose wunderbar heran, dank dieser
gespendeten Wurzel. Wenn aber die obere Veredelungsstelle nicht genügend
angehäuft wurde und die Unterseite der Wurzel nicht ganz im Dunklen liegt, fängt
die Ammenwurzel manchmal ein eigenes Leben an. Sie erinnert sich in dem diffusen
Licht vielleicht daran, dass sie selbst auch mal eine starke Rose war, eine einfache
zwar, mit nur 5 kleinen, herzförmigen Blütenblättern, aber immerhin eine richtige
Rose. Vielleicht sogar die Vorgängerin von alle den oberen Damen und ihren kompliziert
gefalteten Köpfen. Und dann schickt eben auch sie ihre eigenen hoffnungsvollen
Triebe hoch. Sie kommen aus der Erde neben der Edelrose hervor, weil die Hundsrose
selbst ja nichts zu suchen hat auf der veredelten Oberseite.

So schön die Hundsrose ist, wenn sie im freien Feld mit ihren zauberhaften,
überbordenden weiss-rosa Blüten einen alten Haag ziert, so wenig gilt sie im
Vergleich zu ihrer edlen Ziehtochter, die selbst nie auf eigenen Füssen stand. Man
bedenke, wir wollen nicht, dass die Hundsrose von ihrer eigenen Wurzel zehrt.
Der grüne Trieb der Ammenwurzel muss raus.

Im Moment sieht man diese langen, dünnen Wildtriebe überall im Kanton aus
den Rosenstöcken schräg herausragen. Wenn man näher hinschaut, wachsen sie
neben der Edelrose und nicht im Rosenstock selbst. Aber niemand traut sich,
sie «abzuzwacken». Wo auch? Es könnte ja ein wichtiger Teil von der Edelrose sein.
Sie sollten aber unbedingt beim ersten Anblick entfernt werden. Glückstrieb oder
Wildtrieb? Man kann den dünnen, zähen Wildtrieb biegen, im Gegensatz zum
wässerigen Glückstrieb. Der Wildtrieb ist hellgrün, nichts Rötliches daran. Die
Blätter sind oft matt im Verhältnis zu denen der Edelrose. Er hat kaum Dornen
und sein Blattwerk ist verkümmert klein.

Der Wildtrieb hat meistens mehr als 5 Finger auf jedem Blatt, was aber heutzutage
kein Garant für einen Wildtrieb ist. Auch eine Edelrose kann heute mehr als 5 Finger
pro Blatt haben. Da aber der Wildtrieb gerne mit dem Glückstrieb um die Wette
wächst, muss er weg. Wenn man die Triebe nicht voneinander unterscheiden kann,
können solche Wildtriebe die Edelrose über Jahre hinweg aushungern…. so ungerecht
es auch sein mag gegenüber der wurzelspendenden Hundsrose.

Der Wildtrieb
Das Entfernen vom Wildtrieb muss hier nun mal separat erwähnt werden. Danach
ist jede Unsicherheit aus der Welt. Mit dem Handschuhfinger fährt man dem grünen
biegsamen Wildtrieb nach, bis zum Ansatz an der unteren Seite der Ammenwurzel.
Bitte nicht bereits oberhalb der Erde abschneiden, denn auch die gemeine Hundsrose
empfindet «Scheren-Schnitt» als Triebanregung. Sie treibt auf demselben Stummel
wieder bei eventuell zurückgebliebenen Augen aus und so schneidet man aus
Unwissenheit das nächste Mal selbst wieder mit der Schere, bis lauter niedrige
Petersilie aus der Ammenwurzel quillt. Der Wildtrieb muss direkt an der Ammenwurzel
«abgerissen» werden. Genau wie beim Ausbrechen von überzähligen Trieben an
einer Rebe oder einem Tomatenstock. Die Rosenwurzel hat aber eine schützende Haut,
die nicht verletzt werden darf, wenn man den Wildtrieb abknickt. Dies direkt an
der Wurzel durch einen kurzen Druck von Oben nach Unten. Wenn man sicher gehen
will, dass die Ammenwurzel nicht so schnell wieder austreibt, muss man den
Wildtrieb auf der Unterseite – wo er an der Wurzel andockt – mit einem scharfen
Messer von unten quer halb aufschneiden. Wenn man dann von oben den Wildtrieb
nach unten wegdrückt, reisst man keine Wurzelhaut weiter mit nach unten.
Die Wurzel bleibt weitgehend unverletzt und kann wieder schützend
angehäuft werden.

Viele Wörter für einen kleinen, aber wichtigen Eingriff. Es grenzt an ein
schlechtes Omen, wenn man aus Versehen einen seltenen Glückstrieb kappt.
Wer weiss, wann das Glück einem wieder beisteht.

Das A und O ist, dass man den Rosenstock immer sauber und luftig hält. Heisst
die Mitte der Rose offener halten. Und mit immer mehr eigener Erfahrung,
achtet man vielleicht auch darauf, dass das oberste, stehengelassene Auge
beim 5-Finger-Blatt nach aussen zeigt. Ob nun Nummer 4 oder Nummer 6.

The Fairy
Auch die überaus beliebte Bodendecker Rose «The Fairy» mit ihren üppigen,
rosafarbenen, kleinblätterigen Blüten, liegt jetzt vielerorts flach und
hilflos auf dem Boden. Immer noch beschwert vom längst verblühten und
verregneten Flor. Auch hier traut sich kaum ein Hobbygärtner mit der Schere heran.
Dabei ist es höchste Zeit für eine 2 – 4 wöchige Triebperiode, gänzlich
befreit von dem kräftezehrenden Gewicht von welken Blüten. Dies mit der
Gewissheit, dass eine zweite, saubere Fairy-Blühperiode erfolgt. Für jede
abgetrennte, verblühte Rosendolde bekommt man eine Neue geschenkt.
Bis in den Herbst hinein. Den Gärtner kann man sich sparen. Kurz bücken,
abschneiden und entsorgen. Erledigtes nicht nachtrauern. Abhaken! Frische
herrliche Blüten versuchen immer und immer wieder aufs Neue von der
dornigen Grundlage ihres Daseins abzulenken.

Man muss nicht lange überlegen, wie «The Fairy» schneiden, denn alle Rosensorten
wollen sich liebend gerne erneuern. Ganz speziell diese, eben deshalb so
beliebte Rose. Die ganze liegende, graue «Bluscht» grosszügig wegschneiden.
Rosen häuten sich. Ich würde diesen ersten Juli-Schnitt immer mit kaltem Herzen
und scharfer Schere machen. Und es ist noch so viel Zeit bis zum Herbst für
Erholung und für den Aufbau von neuen Knospen. Und genau im Herbst brauchen
wir Menschen doch die allerletzten, strahlenden Herbstrosen, in
den novemberkahlen, aufgeräumten Gärten.

Keine Rose, die etwas auf sich hält, möchte in ihrer Lebensmitte – im Juli –
plötzlich stehen bleiben, gebremst von den toten Klimax-Blüten am äussersten
Ende ihrer diesjährigen Stiele. Sie möchte schnellst möglich zeigen, was sie
weiter unten noch alles draufhat, bis zu ihrem letzten Winterschnitt im November.
Also ab Monat Juli bereits alles Halbwelke abschneiden. Ein gepflegter, gesunder
Rosenstock ist immer voll versteckter Knospen.

Bei Stammrosen wird nach dem 1.-Juli-Schnitt bereits Ausschau gehalten, ob
kurze oder längere fleischige Triebe sich von der mittigen Edelstelle nach
aussen strecken. Wenn dem so ist, bitte für sie mit der Rosenschere ein wenig
mehr Platz und Luft verschaffen.
Grüne, biegsame Wildtriebe hingegen, die unterhalb der Veredelungsstelle
(unterhalb der Baumkrone) oder direkt aus dem Stamm schiessen, mit einem
geraden Scherenschnitt so dicht wie möglich an der Ammenwurzel oder am Stamm
abtrennen. Und bitte nach dem 1. Juli immer alle älteren Rosen abschneiden
– ob verblüht oder nicht – drei Blatt tiefer in die Krone hinein, damit sie ihre
harmonische Form erhält beim zweiten Austreiben und beim Blühen weiter behält.
Die grüne, ruhende Trieb-Periode lohnt sich. Darum ist es so dankbar, mehrere
Rosen zu pflegen, die versetzt blühen.
Einige brauchen 4 Wochen, andere 6 und so lösen sie einander ständig ab.

Der schräge Antriebschnitt oberhalb dem jeweils gewünschten Auge sollte
weniger als 45° geneigt sein und die höchste Stelle von diesem schrägen Schnitt
sollte 5 mm direkt über diesem Rosenauge sitzen. Andersherum würde das
Regenwasser direkt in den “Augenwinkel” sickern und eventuell dort bleiben.
So aber wird die Nässe direkt nach hinten umgeleitet und die Knospe kann
sich entfalten.

Vor dem 1. September und dem 1. November 2020 melde ich mich noch einmal.
Und auch vor dem Frühlingsschnitt im April 2021. Je nach Wetter kann man bei
starken Rosen den ersten Schnitt auch schon im März wagen.

Danach sind alle meine 4 «Scheren – Schnitte» durch.

Bis dahin einen schönen Sommer und viel Freude an der Arbeit mit Ihren Rosen.
Haben Sie Fragen, dann bitte gerne. Ich freue mich sehr über alle Kommentare!

Herzliche Grüsse, Evelin Scheuble

Titelbild:
Rose “Westzeit”

 Beitragsbild:
Kletterrose Polka