Blog von M. Baecher

…rückt Schloss Gottlieben ins Zentrum

Schloss Gottlieben stand bei den diesjährigen Europäischen Tagen des Denkmals im Kanton Thurgau im Zentrum. Gegen 200 Interessierte erhielten am Samstag, 12. September, bei insgesamt acht verschiedenen Führungen einen vertieften Einblick in dieses kulturelle Erbe von einmaliger Bedeutung – weit über den Thurgau hinaus. Dies unterstrich auch Regierungsrat Dominik Diezi in seiner Eröffnungsansprache.

Hätte die Teilnehmerzahl aus organisatorischen Gründen nicht beschränkt werden müssen, wären wohl noch weit mehr Interessierte nach Gottlieben gekommen.

Kulturgüter in Gefahr

«In Gefahr» lautete das diesjährige Motto der Europäischen Tage des Denkmals. Darauf ging Regierungsrat Dominik Diezi auch in seiner Eröffnungsansprache im (südlichen) Schlosspark (auf Tägerwiler Gemeindegebiet und heute nicht mehr im gleichen Besitz wie das Schloss) ein. Doch zunächst dankte er der Familie Huber für die Öffnung des Schlosses an diesem Tag. Das sei keineswegs selbstverständlich. Ebenso dankte er dem «Städtli Gottlieben», wie er es nannte, für die gute Zusammenarbeit.

Mit Verweis auf die «politischen Gefahren» rief er dazu auf, die Diskussion über die Denkmalpflege nicht an einzelnen Projekten festzumachen. Es gehe vielmehr um eine grundsätzliche Reflexion. Zudem kündigte er an, dass die Neuausrichtung der Denkmalpflege in den nächsten Monaten ins Kantonsparlament komme. Eine weitere Gefahr für das kulturelle Erbe sieht Diezi in der «passenden Eigentümerschaft», die nicht überall gegeben sei – ganz im Gegensatz zu jener von Schloss Gottlieben. Und schliesslich drohe auch die Gefahr des Nichtwissens. Im Fall von Schloss Gottlieben konnten dank den baugeschichtlichen Untersuchungen mit neuesten wissenschaftlichen Methoden viele Fragen beantwortet werden, unter anderem auch jene, ob der Bretterverschlag im Westturm tatsächlich das Gefängnis von Jan Hus war (oder eben nicht). Baudenkmäler seien eben nicht stumm, so Diezi weiter, sondern wichtige historische Quellen, die es zu erhalten gelte – auch für künftige Generationen, die wieder andere Fragen hätten. Das kulturgeschichtliche Erbe sei zudem ein wichtiger Bestandteil unserer Heimat, der Sorge zu tragen sei – gerade in Zeiten der Globalisierung.

Gemeindepräsident Bruno Schärer unterstrich in seinem Grusswort, dass Gottlieben trotz allen Veränderungen im Laufe der Geschichte eine Perle geblieben sei, oder wie es der Slogan der Gemeinde ausdrückt: Charme am Seerhein.

«Der Gesellschaft etwas zurückgegeben»

Im Gespräch mit Denkmalpfleger Roger Strub gab die Familie Huber recht persönliche Einblicke. So gestand Tatjana Huber-Gazdik, dass sie sich schon länger gewünscht hatte, in einem Schloss zu leben. Und dass sie es demütig mache, hier sozusagen die Nachfolge des Opernstars Lisa della Casa antreten zu dürfen. Thomas Huber eröffnete, dass sie wahrscheinlich den Zuschlag für das Schloss erhalten hätten, weil sie eine Schweizer Familie sind und seine Frau ebenfalls Opernsängerin sei. Für Tochter Leonie ist es als Architektin ein Traum, ein solch bedeutendes Kulturdenkmal in die Zukunft zu führen. Für ihren Vater ist es nach dem Berufsleben das Projekt für die nächsten 30 Jahre. Es sei für ihn schön, dass er nach der Zeit als CEO eines grossen Unternehmens, das er vom kleinen Betrieb bis zum Börsengang erlebt hat, «nur noch» die Verantwortung für dieses Schloss habe. Und seine Gattin meinte, dass die Schlossgeister, so sie es denn gebe, ihnen bestimmt wohlgesonnen seien. «Man schläft gut hier», meinte sie. Thomas Huber bekräftigte die Absicht, das Schloss punktuell für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, namentlich für Konzerte – wenn dann die baulichen Voraussetzungen gemäss den gesetzlichen Vorschriften gegeben sind. Der Familie Huber ist es bewusst, dass es ein öffentliches Interesse an diesem Baudenkmal gibt. Und seine Aussage: «Wir wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben», wurde mit starkem Beifall quittiert.

Vertiefter Einblick bei den Führungen

Die anschliessenden acht Führungen, die bis 16.30 Uhr stündlich wiederholt wurden, ermöglichten einen vertieften Einblick in die ganze Anlage mit all ihren Facetten. Die Themen reichten von der Parkanlage mit ihren Zeitzeugen über die Revitalisierung des Ufers, die Restaurierungen am Schloss, die bauarchäologischen Untersuchungen, die Spuren des Wandel im Schloss im 19. Jahrhundert und die statischen Herausforderungen bis zur Frage, wie das Schloss nachhaltig in die Zukunft geführt werden kann. Ergänzt wurde das weitgefächerte Angebot mit einer Dorfführung unseres Lokalhistorikers Rolf Seger.

In der Bilanz zeigte dieser gross angelegte Anlass einmal mehr, welch grosser Glücksfall es ist, dass die Familie Huber-Gazdik Schloss Gottlieben übernommen hat – nicht nur für unser Dorf, sondern für den Thurgau und die Region insgesamt, und für dieses Kulturerbe von europäischer Bedeutung!

Fotos: M. Baecher